Knapp vier Wochen nach der Reichstagswahl vom 13. September 2026 hat Schweden weiterhin keine neue Regierung. Am Freitag, 9. Oktober, kamen die Spitzen der vier rot-grünen Parteien erstmals seit der Wahl an einem Tisch zusammen. Die Beteiligten sprachen von einem guten Gespräch, über die eigentliche Regierungsfrage wurde nach ihren Angaben jedoch nicht verhandelt. Am Montag, 12. Oktober, soll die sozialdemokratische Parteichefin Magdalena Andersson dem Reichstagspräsidenten Bericht erstatten.
Was am Freitag geschah
Das Treffen fand im Konferenzhotel Högberga gård auf Lidingö bei Stockholm statt. Teilgenommen haben Magdalena Andersson (Sozialdemokraten), Nooshi Dadgostar (Linkspartei), Elisabeth Thand Ringqvist (Zentrumspartei) sowie die Sprecher der Grünen. Laut The Local trugen Vertreter von Organisationen und Behörden ihre Sicht auf die Lage des Landes vor, anschließend tauschten sich die Parteien aus. Ziel war nach Anderssons Worten ein gemeinsames Bild der Herausforderungen, vor denen Schweden steht.
Andersson nannte das Treffen laut SVT „sehr wertvoll“. Thand Ringqvist betonte nach Angaben von TV4, über Regierungsverhandlungen sei an diesem Tag überhaupt nicht gesprochen worden. Dadgostar zeigte sich zuversichtlich, forderte aber eine Antwort darauf, welche Rolle ihre Partei in einer künftigen Regierung spielen soll. Die Grünen sprachen von einem Schritt nach vorn.
Warum die Lage festgefahren ist
Die vier rot-grünen Parteien verfügen im neuen Reichstag zusammen über 176 der 349 Sitze, die bisherigen Regierungsparteien um Ministerpräsident Ulf Kristersson (Moderate) samt den Schwedendemokraten über 173. Rechnerisch hätte Andersson damit eine Mehrheit – politisch aber nicht: Die Linkspartei verlangt Ministerposten, die Zentrumspartei lehnt eine Regierung mit Beteiligung der Linkspartei ab. Der SVT-Kommentator Mats Knutson bezeichnete beide Positionen als unvereinbar und sieht den Stillstand fortbestehen.
Andersson hatte ihren ersten Sondierungsauftrag Ende September zurückgegeben, nachdem die Linkspartei bei der Wahl des Reichstagspräsidenten für den Moderaten Andreas Norlén gestimmt hatte. Die Parteien des bisherigen Regierungslagers fordern, dass Andersson sich einer Abstimmung im Reichstag stellt. Kristersson führt seit dem 17. September eine Übergangsregierung, die nur laufende und dringende Geschäfte erledigt.
Wie es weitergeht
Andersson kündigte an, über das Wochenende über den nächsten Schritt nachzudenken. Am Montag berichtet sie Reichstagspräsident Norlén über ihre Sondierung. Dieser kann den Auftrag verlängern oder einen Termin für eine erste Abstimmung über das Amt des Ministerpräsidenten ansetzen. Andersson selbst hält es laut SVT für „unwahrscheinlich“, dass sie eine solche Abstimmung in der kommenden Woche gewinnen würde.
Nach der schwedischen Verfassung hat der Reichstag vier Versuche: Scheitern vier Vorschläge des Reichstagspräsidenten, muss es eine Neuwahl geben. Wie das Verfahren im Einzelnen funktioniert, erklärt unser Überblick über das politische System Schwedens.
Was das für Menschen in Schweden bedeutet
Im Alltag ändert sich vorerst wenig: Behörden und Regierungskanzlei arbeiten normal weiter. Größere politische Weichenstellungen sind von einer Übergangsregierung jedoch nicht zu erwarten. Je länger die Regierungsbildung dauert, desto später kann eine neue Regierung eigene Vorhaben auf den Weg bringen.