Schwedens Weg in die NATO: Von der Neutralität zum Bündnis
Mehr als 200 Jahre bündnisfrei, dann ging alles schnell: wie Schweden nach Russlands Angriff auf die Ukraine der NATO beitrat, warum die Türkei bremste und welche Rolle das neue Anti-Terror-Gesetz spielte.
Seit dem 7. März 2024 ist Schweden das 32. Mitglied der NATO. Damit endete eine sicherheitspolitische Tradition, die mehr als zwei Jahrhunderte gehalten hatte. Der Weg dorthin dauerte knapp zwei Jahre und führte über schwierige Verhandlungen mit der Türkei, ein verschärftes Anti-Terror-Gesetz und eine lange Wartezeit auf Ungarn. Dieser Beitrag fasst die Entwicklung zusammen und ersetzt unsere früheren Meldungen aus dem Jahr 2023.
Stand: Oktober 2026
Über 200 Jahre bündnisfrei
Schweden hat seit 1814 keinen Krieg mehr geführt. Im Kalten Krieg verstand sich das Land als neutral, arbeitete im Verborgenen aber eng mit dem Westen zusammen. Nach dem EU-Beitritt 1995 sprach Stockholm nicht mehr von Neutralität, sondern von militärischer Bündnisfreiheit. Mit der NATO kooperierte Schweden seit den 1990er-Jahren als Partnerland, eine Mitgliedschaft fand aber lange keine Mehrheit, vor allem nicht bei den regierenden Sozialdemokraten.
Die Wende 2022
Russlands Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 veränderte die Stimmung schlagartig. Innerhalb weniger Wochen sprachen sich in Umfragen erstmals deutlich mehr Schweden für als gegen einen Beitritt aus. Im Mai 2022 stellten Schweden und Finnland gemeinsam ihren Antrag. Finnland wurde im April 2023 Mitglied, Schweden musste länger warten.
Warum die Türkei bremste
Jedes NATO-Land muss einem Beitritt zustimmen. Die Türkei verlangte von Schweden ein härteres Vorgehen gegen Personen, die Ankara als Terroristen einstuft, vor allem gegen Unterstützer der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, sowie Auslieferungen. Belastet wurde das Verhältnis zusätzlich durch Koranverbrennungen bei Demonstrationen in Stockholm Anfang 2023, darunter vor der türkischen Botschaft. Präsident Erdoğan erklärte daraufhin, Schweden solle keine Unterstützung für den NATO-Beitritt erwarten. Die schwedische Regierung verurteilte die Aktionen, verwies aber auf die weit gefasste Meinungs- und Versammlungsfreiheit im Land.
Das Anti-Terror-Gesetz von 2023
Am 1. Juni 2023 trat in Schweden ein schärferes Anti-Terror-Gesetz in Kraft. Strafbar ist seitdem die Beteiligung an einer terroristischen Organisation sowie deren Unterstützung, etwa durch die Organisation von Treffen, Logistik oder Geld. Zuvor ließ sich eine Strafe in der Regel nur verhängen, wenn eine Handlung mit einer konkreten Terrortat in Verbindung stand. Den Anstoß für die Reform gab nach Regierungsangaben unter anderem der Lkw-Anschlag auf der Stockholmer Drottninggatan im April 2017, bei dem fünf Menschen starben. Für die Türkei war das Gesetz ein zentraler Punkt in den Verhandlungen.
Der Beitritt 2024
Nach weiteren Gesprächen stimmte das türkische Parlament im Januar 2024 dem Beitritt zu. Als letztes Land ratifizierte Ungarn am 26. Februar 2024. Am 7. März 2024 hinterlegte Ministerpräsident Ulf Kristersson in Washington die Beitrittsurkunde, damit war Schweden offiziell Mitglied. Wenige Tage später wurde vor dem NATO-Hauptquartier in Brüssel die schwedische Flagge gehisst.
Was sich seitdem verändert hat
Schweden bringt vor allem seine Luftwaffe mit Gripen-Kampfjets, U-Boote für die Ostsee und eine leistungsfähige Rüstungsindustrie in das Bündnis ein. Die Verteidigungsausgaben steigen deutlich, die Wehrpflicht war bereits 2017 wieder eingeführt worden. Schwedische Soldaten sind inzwischen an NATO-Einsätzen beteiligt, etwa in Lettland und mit Luftabwehr in Polen. Mehr dazu in unserer Meldung über die schwedische Patriot-Luftabwehr in Polen.
Was das für Reisende und Menschen in Schweden bedeutet
Im Alltag merkt man vom NATO-Beitritt wenig. Auffälliger ist die stärkere Betonung der zivilen Bereitschaft: Die schwedischen Zivilschutzbehörden haben im November 2024 eine neue Fassung der Broschüre „Om krisen eller kriget kommer“ an alle Haushalte verschickt, die erklärt, wie man sich auf Krisen vorbereitet. Wer nach Schweden zieht, findet sie auch auf Englisch und weiteren Sprachen online. Für Urlauber ändert sich nichts an Einreise oder Reisefreiheit. Wie Regierung und Reichstag in Schweden arbeiten, erklären wir im Beitrag über das politische System Schwedens.